ADHS und Autismus aus regulationsdynamischer Sichtweise

von Johannes F.W. Drischel

Eine Sichtweise, die die regulationsdynamische Perspektive berücksichtigt, denkt den Menschen in Hardware und Software. Das Regeln zwischen den Aspekten unseres Organismus unterliegt Regeln. Diese können "verformt" worden sein. Besonders Stress, in welcher Quantität und Qualität auch immer, wirkt sich auf diese Zusammenhänge aus. Was bedeutet dies für die Störungen, die im ADHS- und im Autismus-Spektrum beschrieben werden?

Sowohl körperliche als auch psychische Störungen können von ganz unterschiedlichen Standpunkten aus betrachtet werden. Die Frage nach dem ersten Ursprung einer Störung zielt oft auf die Lebensbedingungen und die genetische Ausstattung eines Betroffenen. Wenn man diesen Fragen weiter folgt, kommt man allein schon mit dem Hinweis, dass Lebensbedingungen dazu geeignet sind Gene ein oder aus zu schalten, in die Situation, dass wir hier nicht die eindeutigen Antworten erwarten dürfen, die wir uns gewünscht hatten. Ich bin der Meinung, dass uns eine andere Art der Fragestellung zumindest in einigen Details um Einiges weiterbringen kann, als die Frage nach dem Ursprung.

Wir haben eine wissenschaftliche Disziplin, die in der Schnittmenge zwischen Psychologie und Medizin angesiedelt ist und über viele klare Wirkzusammenhänge verfügt, die wir hier nutzen können. Es handelt sich dabei um die Psychotraumatologie.

Psychotraumatologie

Wenn wir uns in diesem Themenfeld einmal umsehen, stellen wir fest, dass hier sehr klare Beschreibungen von Gesundheit und auch von Störung vorliegen, dass Störungen eine recht eindeutige Qualität haben und leicht wiedererkannt werden können. Selbst wenn nicht die ganze Vorgeschichte eines Patienten recherchiert werden kann, sprechen doch die Symptome immer eine sehr eindeutige Sprache und lassen sich erkennen und eingrenzen. Anhand bestimmter typischer Eigenschaften ist ein traumabedingtes Symptom meistens recht klar von den ursprünglichen Eigenschaften des Betroffenen zu unterscheiden, auch wenn die Vorgeschichte nicht bekannt ist.

Kriterien für traumainduzierte Störung finden sich auch in andern "Störungsbildern"

Wenn man nun einmal diese Kriterien, die uns sonst eindeutig auf eine traumainduzierte Störung im Organismus hinweisen, in der Differenzialdiagnostik in einem eigentlich nicht traumainduzierten Störungsbild, wie z.B. ADHS oder Autismus beachten, dann kommen wir auf eine erstaunliche Fülle an neuen Hinweisen auf die mögliche Entstehungsgeschichte des vorliegenden Störungsbildes.

Traumainduzierte Störungen werden üblicherweise nicht berücksichtigt

Durch die Kriterienkataloge unserer diagnostischen Manuale bedingt, werden die traumainduzierten Störungen immer nur solange in Erwägung gezogen, solange ein Trauma in der Vorgeschichte beschrieben werden kann. Das führt dazu, dass viele Störungen dieser Art nicht als solche diagnostiziert werden. Man weicht schon sehr früh im diagnostischen Prozess auf andere mögliche Themenfelder aus und verordnet daher tendenziell eher zu selten, als auf Verdacht zu häufig eine Traumatherapie. Auf die Idee, dass herkömmlich als sicher nicht traumainduziert angesehene Störungsbilder eventuell aber einen zum Teil erheblichen Anteil an Symptomen mit klarer Traumaqualität aufweisen könnte, kommt man so schon rein verfahrensbedingt eher nicht. Ich will diese Idee hier aber einmal aufbringen und ihr ein stückweit nachgehen:

Erweitertes Traumabild - dissoziative Qualitäten in den meisten Störungen:

Ich fange einfach in der Gegenwart an und behaupte hier zuerst einmal einfach, dass die meisten Krankheiten/Störungen, die man haben kann, eine dissoziative Qualität beinhalten. (Dissoziation, also Abspaltung ist immer die direkte Folge einer Traumatisierung.) Wenn jemand erkrankt, dann erzeugt das Angst. Es kommen diverse Gedanken auf, die einmal bis zum Ende durchgedacht, in Behinderung, Schmerzen und Tod münden. Was ein Mensch in diesem Falle tut, sofern ein für ihn persönlich erträgliches Maß an Bedrohung, Schmerz oder Angst überschritten wird, er dreht sich innerlich weg. Dabei verformt er in sich die Regeln, nach denen Feedback zur Gesunderhaltung seiner regulationsdynamischen Systemfunktionen beiträgt. Die Reizfilter werden umkonfiguriert und der Alarm sensibler vorjustiert. Die Folge ist eine drohende Anpassungsstörung. Diese setzt die Resilienz (die Erholungsfähigkeit) stark herab.

Inhaltliche und systemstrukturelle Traumata

Um die Ausmaße dieser Bedrohung verstehen zu können, sollten wir wissen, dass es einen Unterschied macht, ob ein Trauma inhaltlicher oder systemstruktureller Art ist:

Ein inhaltliches Trauma ist eine Erinnerung, die uns evtl. nicht zur Ruhe kommen lässt. Wenn diese Erinnerung im Bewusstsein auftaucht, überschreibt ihre emotionale Bewertung augenblicklich die emotionale Abbildung unserer aktuellen Wahrnehmung. Wir werden quasi zu einer Zeitreise gezwungen und fühlen, was wir zum Moment der Traumatisierung gefühlt haben.

Ein systemstrukturelles Trauma aber verformt Funktionsroutinen in unserem Organismus! Es mag sein, dass sich ein durch Zorn erhöhter Puls nun nicht mehr ohne weiteres von selbst wieder absenken will. Es mag sein, dass die Zustandsabbildung unseres Organismus´ im Gefühl nicht mehr zuverlässig gelingen will. Es mag sein, dass die Spiegelneuronen anstatt im sozial-interaktiven Bereich, nun in Sachthemen zum Einsatz gebracht werden. Es mag sein, dass die stabilitätsspendenden Kindheitserinnerungen dem emotionalen Komplex nun nicht mehr zugänglich sind.

Das Fehlen einer Perspektive flacher Traumatisierungsprofile

Die hier entstehenden Symptome und Syndrome sind erheblich, narren vielfach die Diagnostiker und erzeugen jede Menge falsch-positiver oder "innovativer" Diagnosen, die dann in frustrierend ineffektive Therapien münden. Die traumatologische Ebene wird jedoch wegen einer fehlenden eindeutigen Traumatisierung nicht erwogen.

Ein wirksames Verfahren zur Auflösung von Dissoziationen

In der privaten Forschungsinitiative „SRD/emoflex®“ um Johannes F.W. Drischel (Autor) wurden wir auf diese Zusammenhänge dadurch aufmerksam, weil wir ein Verfahren zur Auflösung von Dissoziationen entwickelt hatten, mit welchem leicht schnelle Veränderungen zu erzielen waren. Wir konnten so in diversen Störungsbildern einfach versuchen, wie groß der dissoziative Anteil der Störung sei. Dies ergab quasi eine Art von Vorher-nachher-Bildern die zuvor nicht erreichbar waren. – Die Ergebnisse waren erstaunlich!

Die emoflex®-Konzeptentwicklung geht den etwas eigenwilligen Weg, möglichst viele konzeptuelle Anleihen bei Störungsbildern und neurologischen Besonderheiten zu nehmen. So entstand ein zentral-wichtiges Verfahren um störungsrelevante Emotionen greifbar zu machen,

aus einer Nachahmung synästhetischer Wahrnehmung. Wir erfragen zu einer Emotion an den Sinnesqualitäten entlang eine möglichst mehrdimensionale abstrakte Form ab. Diese stellt dann als Variable ein Detail der Störung dar und kann im Verfahren zum Erinnern, zum Fokussieren, und zum Integrieren weiterverwendet werden.

Synästhesie-adaptierten Formen sind für wache REM-Phasen zugänglich!

Eine echte Sensation war dann, als sich herausstellte, dass diese synästhesie-adaptierten Formen für wache REM-Phasen zugänglich sind. Die Augenbewegungen aus der EMDR-Traumatherapie starten allem Anschein nach eine Form der Datennachverarbeitung im Gehirn. Der nächtliche REM-Schlaf verarbeitet Erlebnisse bis zu einer bestimmten Intensität emotionaler Erregung. Über dieser Grenze bricht der REM-Schlaf alarmbedingt ab und die Verarbeitung stoppt.

Traumainduzierte Störungen: üblicherweise behandlungsresistent

Daher sind traumatische Erinnerungen und traumainduzierte Störungen mitunter sehr haltbar. Sie brechen zuverlässig jede Art der Verarbeitung ab, sobald sie im Fokus erscheinen. Auch in der EMDR-Arbeit, die Augenbewegungen auf Erinnerungsbilder anleitet, gelingt die Verarbeitung häufig nur unvollständig, da die PatientInnen leicht in irritierte Zustände geraten. Dort werden dann die Augenbewegungssequenzen verlängert und man versucht, die PatientInnen gut auf mögliche Irritationen vorzubereiten. Trotzdem bleibt die Arbeit ein Balanceakt zwischen Prozessierung und Alarmauslösung.

Mit der synästhetieadaptierten Aufarbeitung der traumainduzierten Emotionen im emoflex-Verfahren blieben die bekannten Probleme mit der Verfahrenssicherheit nahezu vollständig aus. Wir hatten diese Arbeitsweise in der Arbeit mit Autisten und ADHS-Betroffenen entwickelt. Dort konnten nun mit gutem Erfolg Irritationszustände, Impulsdurchbrüche, Ängste, Suchtdruck, Selbstverletzungsdruck und Panikzustände bearbeitet werden. Als dann, mehr aus Versehen, einmal eine Probandin mit einer frühkindlichen Traumatisierung mit dieser Konzeptvariante in Berührung kam, stellte sich heraus, dass auch schwere inhaltliche Traumata sehr schön ihre zwingenden Qualitäten verloren, wenn man auf diese Weise vorging. Keine Tränen, keine Irritationen.

Ein neuer Blick auf das ADHS- und Autismus-Spektrum

Nach den ersten drei Jahren des Arbeitens mit dem emoflex®-Konzept stellt sich das ADHS- und Autismus-Spektrum etwas verändert dar, als bisher. Wir sehen es nun versuchsweise eher als dissoziative Störung der Regulationsdynamik. Beide scheinen ihren Beginn in einer Form der Hochsensibilität zu nehmen. Ob diese nun auf einer genetisch dispositionierten Feinsensorik oder auf einer Reizfilterstörung und dadurch bedingten erhöhten Alarmierbarkeit beruht, soll noch geprüft werden. In der Folge jedoch, geraten die Betroffenen bereits im Vorschulalter durch eine sensorische Überforderung so unter Druck, dass das Regulationssystem auf Kompensationsmuster ausweichen muss, um den alltäglichen Anforderungen nachkommen zu können.

Die Autisten überformen dabei mit ihren dissoziativen Ressourcen ihre Inselbegabungen im Bereich Systemlogik und Abstraktionsfähigkeit zu einem neuen Betriebssystem. In diesem werden nun Strategien der Spiegelneuronen für Sachthemen verwendet. Soziale Interaktion wird vermieden und/oder dissoziativ ausgeblendet. Durchbricht man diese Kompensationsmuster durch direkte Konfrontation oder zu enge Settings, folgen zuverlässig Impulsdurchbrüche , Irritationszustände und Panik.

Die ADHSler mit ihrem sehr ausgewogenen Kompetenzprofil haben selten relevante Inselbegabungen, die sich mittels dissoziativer Ressourcen in eine umfassend ausgeprägte Störung/Lösung umwandeln ließen. Daher zeigen diese auch dieses schwer fassbare Flackern in allen Bereichen. Ein Problembereich, auf den man seinen Fokus richtet, funktioniert bald deutlich besser. Wenn man sich dann jedoch einem anderen Themenfeld zuwendet, fällt hinter einem alles wieder zusammen.

ADHS: gestört werden ohne Kompensationsmuster

Bei ADHS ist also Labilität ist der stabile Faktor. Wir haben es mit emotional instabilen Menschen zu tun, denen - im Gegensatz zu anderen, ausgeprägteren Störungen - auffallend die Fähigkeit zu einer fortgesetzt stabilen Kompensation fehlt. Stabilität wird von außen gesucht. Psychoaktive Substanzen führen wenigstens für einige Stunden zu stabilen Gefühlen. Freundliche Menschen leihen für eine Zeit ihre Gefühle für eine Erholungspause der von rauer See gebeutelten Seeleute.

Die erdrückende Menge von Mini-Traumata

Hochenergetische Tätigkeiten ersetzen die Spannkraft fehlender innerer Strukturen. ADHS ist eine Störung ohne Kompensationsmuster. Wenn man, wie bei den anderen "großen" Störungen (Autismus, Anorexie, Borderline, Zwangsstörung, Depression) den Fehler machen möchte, die Kompensation als Diagnose zu benennen, dann wäre ADHS letztlich gar keine Störung im klassischen Sinne. Wieder einmal mehr trifft hier zu: Die Betroffenen sind nicht gestört, sie werden gestört, und zwar von einer erdrückenden Menge an Minitraumata.

ADHS: dissoziative Systemstörung mit sehr flachem Traumatisierungsprofil

Was bei ADHSlern Laufe der Biographie entsteht, ist eine dissoziative Systemstörung mit einem sehr flachem Traumatisierungsprofil. Die Betroffenen sind hochangestrengt und trotzdem breitflächig von Misserfolgen begleitet. Um hier adäquat intervenieren zu können, bedarf es einer feinen Empathie und eines angepassten Verfahrens. Das Trauma kommt in der Anamnese nur zu Tage, wenn man es finden will. Wenn man es aber einmal in seiner Qualität und in seiner Quantität zu überblicken begonnen hat, dann kann man es nicht mehr übersehen.

Behandlungsvorschlag

Ich möchte dafür werben, Autisten und ADHSler unter dem Aspekt der leichten Traumatisierbarkeit und Alarmierbarkeit von hochsensiblen Menschen zu betrachten und zu behandeln. Ihre Organismen und ihre Lebensumstände sind fragil. Ich selbst bin Autist und Synästhet. Ich beschreibe diese Themenfelder aus den Augen der "Störung". Ich möchte auch lieber den Begriff "Kompensationskonzept" als den Begriff "Störung" verwenden. Viele der im ICD-10 beschriebenen Störungen sind geniale Lösungen. Sie kompensieren Hochsensibilität.

© Johannes F.W. Drischel 2011